Disruptieren Sie sich selber. Und tun Sie es jetzt!

Jan Sedlacek General, German, Opinion

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Haben Sie sich schon einmal gefragt, ob Ihre eigene Firma disruptiert werden wird? Wenn ja ist es vielleicht schon zu spät. Die Frage impliziert nämlich, dass Ihnen und anderen bereits klar geworden ist, wie Ihr Geschäft disruptiert werden könnte, z.b. weil Startups in Ihrem Sektor erste Achtungserfolge erzielen. Aber wenn sich abzeichnet, wie Disruption passieren könnte bleibt nur eine Frage offen: Wer treibt sie in Ihrer Industrie? Dies führt zu einer völlig anderen Frage, die Sie sich stattdessen stellen sollten:

Wie schaffen Sie es, sich auf die beste Art selber zu disruptieren?

Was ist eigentlich Disruption?

Disruption bedeutet im Kern zwei Dinge: Erstens werden sich die Margen verflüchtigen, weil neue Anbieter mit effizienteren Geschäftsmodellen die Preise attackieren. Das, was von den Margen dann noch übrig bleibt, verlagert sich zu neuen Anbietern. Niemand findet das gut, der seine Familie von den heutigen Margen ernährt. Zweitens werden durch die neuen Anbieter die Branchen-Spielregeln auf den Kopf gestellt. Niemand mag es, sich zu verändern; Das Management von substanzieller Veränderung ist die mit Abstand anspruchsvollste Disziplin im Management, an der die allermeisten Unternehmen scheitern. Weil aber die Gewinne in vielen Branchen zum heutigen Zeitpunkt noch in Ordnung sind, da die Startups vielerorts noch klein und unbedeutend sind, führt dies zu einer kognitiven Dissonanz: Die Manager und Eigentümer von Unternehmen spüren, dass sich die Dinge fundamental verändern werden. Aber sie wollen es nicht. Also zögern sie.

Ich persönlich habe Disruption am eigenen Leib erfahren, als ich als Teil des Management-Teams von Kuoni versucht habe, mit diesem Dilemma umzugehen. Wir sind daran gescheitert (Sie erinnern sich doch an Kuoni? Das war einmal der grösste Reiseanbieter in der Schweiz).

Disruption ist nicht etwa eine harmlose “Störung” durch eine Innovation wie der Begriff wörtlich übersetzt vermuten lässt: Disruption ist in Summe nichts anderes als die kreative Zerstörung von bestehenden Industriestrukturen, wie sie schon von Marx und Schumpeter beschrieben wurde. Wir sprechen von nichts anderem als einer industriellen Revolution.

Halten Sie sich nicht mit Digitaltheater auf

Viele Unternehmen versuchen derzeit mit Innovationsteams, durch Berater, Coaching, und mit diversen lustigen Kooperationsansätzen mit Startups “agiler” und “innovativer” zu werden, um sich dadurch irgendwie in die Zukunft zu retten. In unserer Erfahrung (und die Misserfolgsraten geben uns leider Recht), werden sie damit aber im Grossen und Ganzen nur marginale Verbesserungen erwirken.

Bitte bauen Sie (“digitales”) Neugeschäft auch nicht in Bereichen auf, die Ihrem Bestandsgeschäft nicht schaden. Dies ist leider eine aktuell sehr verbreitete Denkweise: Viele Unternehmen beginnen, sich in neue Geschäftsfelder vorzuwagen, aber sie tun dies ausserhalb ihres Kerngeschäfts, und zwar genau aus der Angst heraus, die eigenen Margen zu zerstören und gegen den internen Veränderungswiderstand anzukämpfen. Ganz nach dem Motto: “Wasch mich, aber mach mich nicht nass.”

Wir halten das für einen schwerwiegenden Fehler: Strategisch gesehen handelt es sich hierbei um eine willkürliche Diversifikation ohne “Right to Play”. Zudem sind Sie danach immer noch unvorbereitet auf echte Disruptoren, die vorhaben, Ihr aktuelles Kerngeschäft zum Frühstück zu verspeisen.

Die Schlussfolgerung ist einfach: Wenn Sie spüren, dass Ihre Industrie disruptiert werden wird, dann müssen Sie jetzt anfangen, Geschäftsmodelle aufzubauen, die für die bestehenden Industriestrukturen disruptiv sind. Das ist nur ausserhalb der derzeitigen Unternehmensmauern möglich. Bauen Sie dort aber Digitalgeschäft auf, das Ihr bestehendes Kerngeschäft nicht nur frontal attackieren kann, sondern soll.

Disruptieren Sie sich klug – und tun Sie es jetzt!

Beherzigen Sie bitte folgendes:

  • Halten Sie das neue Geschäft von Ihrer alten Struktur und Kultur fern, um sie nicht zu ersticken. Erliegen Sie nicht dem Sirenengesang der Heerscharen von Beratern, die Ihnen eine “digitale Transformation” aufschwatzen wollen.
  • Bauen Sie ein genügend grosses Portfolio an Innovationen auf, weil viele davon scheitern werden. Das ist ein natürlicher Teil des Prozesses.
  • Scheitern Sie schnell, indem Sie schnell und Datengetrieben iterieren.
  • Behandeln Sie Neugeschäft nicht wie interne Abteilungen oder Tochtergesellschaften, sondern so, wie ein Risikokapitalgeber seine Investitionen behandelt; fördern und fordern Sie sie, aber lassen Sie Ihnen jeden erdenklichen Freiraum.
  • Geben Sie Innovationen Zeit zu wachsen, bis sie wirklich anfangen, Ihr Kerngeschäft zu (zer)stören… und genau darum geht es ja.

Das Beste an diesem Ansatz ist, dass er nicht (sehr) weh tut, bis der Umbruch in Ihrer Industrie tatsächlich angekommen ist: Jedes neue Geschäftsmodell wird nämlich viele Jahre benötigen, um eine Grösse aufzubauen, die Ihrem alten Geschäft tatsächlich weh tun wird.

Aber wenn die Zeit gekommen ist, disruptiert zu werden, dann machen Sie es besser selber, als es jemand anderem zu überlassen. Ein Beispiel für ein solches Vehikel ist Sparrow Ventures, das wir aktuell mit Migros aufbauen.

Der erste Schritt ist einfach: Fangen Sie an, einige von den Gewinnen, die Sie heute immer noch machen, intelligent in ein disruptives Portfolio zu investieren. Wir glauben, dass sich diese Investitionen vielfach auszahlen werden.

Aber fangen Sie sofort damit an.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Swiss Export Journal


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