FinTech – Digitale (R)evolution im Finanzsektor?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die rasch voranschreitende Digitalisierung den Finanzsektor bereits auf den Kopf gestellt haben müsste, handelt es sich doch um eine Industrie, die vollständig auf der Informationsverarbeitung basiert und sich damit für die Digitalisierung mindestens genau so anbietet wie etwa der Tourismus oder die Medienbranche. Allerdings scheint sich, abgesehen von wenigen interessanten Ventures, vielen oberflächlichen Leuchtturm-Projekten der grossen Anbieter und allseitigem Aktionismus bisher noch kaum etwas getan zu haben. Was ist also dran am “FinTech-Hype” und was bedeutet er für die etablierten Anbieter?

Stell dir vor, es ist Digitalisierung und keiner geht hin – oder: Als die erste Digitalisierungswelle spurlos vorüberschwappte

Einige “Digital Immigrants” argumentieren, dass sich die Branche bereits weitgehend digitalisiert habe. So seien bereits vor vielen Jahren alle Prozesse digitalisiert oder digital unterstützt worden und so habe sich auch auf der Kundenseite etwa das Onlinebanking seit den ersten Gehversuchen Mitte der 1990er Jahre mittlerweile auf breiter Front durchgesetzt.

Tatsächlich sind bereits in der ersten Digitalisierungswelle zwischen 1995 und 2000 auch neue Anbieter entstanden, die dem einen oder anderen etablierten Institut unbequem geworden sind, z.B. die Direktbanken mit starkem Retail-Fokus in Deutschland, oder die Online-Tradingplattformen wie Swissquote in der Schweiz. Ihnen gemeinsam war, dass sie nahezu die komplette Kundeninteraktion über ihre Online-Plattformen und Apps abwickelten und dass sie sich nur über tiefere Kosten zu differenzieren wussten. Im Wesentlichen hatte es sich dabei meist um eine “stupide” Digitalisierung im Sinne einer reinen Automatisierung bestehender Geschäftsprozesse gehandelt. Darum wurden diese “Innovationen” von den etablierten Instituten auch allesamt früher oder später adaptiert und sind mittlerweile zum neuen Standard geworden.

Die einzigen Spuren, die diese erste Digitalisierung zurückgelassen hatte, waren etwas verbesserte Kundeninterfaces und dass die Preise im Retail ein klein wenig unter Druck geraten sind. Geschäftsmodellinnovationen waren nur ganz wenige darunter und an den Branchenstrukturen gerüttelt hatte keine einzige davon. Und dann ebbte die Welle wieder ab.

Mit anderen Worten: Die Finanzbranche ist über viele Jahre ungeschoren davon gekommen. Bis jetzt.

Die FinTechs kommen

Ist der FinTech-Hype also auch diesmal nur eine Schein-Revolution oder ist hier tatsächlich Wandel in der Entstehung begriffen?

In der breitesten Definition handelt es sich bei FinTechs einfach um digitale Startups, die im Finanzsektor tätig sind. In Deutschland gibt es gemäss paymentandbanking.com derzeit 265 solche Unternehmen. Zentrum des Geschehens ist hier einmal mehr Berlin, das auch die ersten erfolgreichen FinTechs der neuen Generation wie Number26 hervorgebracht hat. In der Schweiz ist der grösste Ballungsraum für FinTechs Zürich. Laut Swisscom existieren hierzulande immerhin 176 FinTech-Unternehmen.

Wenn man den internationalen Kontext betrachtet sind das aber lächerlich kleine Zahlen: Bei Stryber schätzen wir, dass weltweit bereits ca. 10’000 Startups im FinTech Umfeld existieren, die meisten davon in den USA gefolgt vom Asiatischen Raum. Europa ist dabei bereits ein Nebenschauplatz. Innerhalb Europas kommt das Wachstum zudem v.a. aus dem Vereinigten Königreich und Skandinavien. Deutschland und die Schweiz (von Österreich gar nicht zu sprechen) sind also klar dabei den Anschluss zu verlieren, aber das ist ein anderes Thema.

Die Zahl der internationalen FinTechs wächst mittlerweile jedenfalls mit atemberaubender Geschwindigkeit, insbesondere seit auch beträchtliches Venture Capital in das Thema fliesst. Das investierte Risikokapital in FinTechs hat sich zwischen 2010 und 2015 gemäss CBinsights von 1.8 auf über 22 Milliarden Dollar mehr als verzehnfacht:

Globales Investitionsvolument & Anzahl Deals in FinTech

Fintechs haben bisher wenig bewirkt

Allerdings hat diese neue Generation FinTechs bisher noch kaum Spuren in der Finanzindustrie hinterlassen, sieht man einmal von einigen wenigen, mittlerweile etablierten FinTech Superstars wie Kickstarter oder Lendingclub ab, die es geschafft haben, ganze Kategorien neu zu etablieren. In den anderen klassischen Finanzdisziplinen hat sich aber kaum etwas getan, so werden beispielsweise im Wealth Management selbst nach grosszügigen Schätzungen immer noch weniger als 1% der weltweiten Assets von FinTech-Firmen verwaltet und Themen wie „Social Trading“ haben sich als Rohrkrepierer entpuppt.

Dabei präsentiert sich gerade das Thema Vermögensanlage wie auf dem Serviertablett für willige Disruptoren, die all die psychologischen Fehler menschlicher Asset Manager verhindern und Vermögen um Faktoren effizienter verwalten könnten. Trotzdem gelingt es ausserhalb des extrem Tech-affinen Silicon Valleys (z.B. wealthfront oder Personal Capital) kaum einem Innovator, signifikantes Wachstum zu zeigen.

Eine Industrie mit ausserordentlich hohen Einstiegsbarrieren

Die wichtigsten Gründe hierfür sind einerseits, dass die traditionelle Finanzbranche immer schon, und in den letzten Jahren insbesondere, ausserordentlich hohe Eintrittsbarrieren errichtet hat, welche den Eintritt für Startups beschwerlich bis nahezu unmöglich machen. Namentlich zu nennen sind die verschärften Regulatorien, die mit sehr hohen Compliance-Kosten verbunden sind, extreme Mindestkapital-Erfordernisse, Innovations-tötende Aufsichtsbehörden wie die Schweizer Finma mit ihrer No-Risk-Kultur, und das Ausspielen von Insider-Vorteilen wie den komplizierten und immer noch nur manuell zu bewältigenden Prozess eines Bankwechsels.

Mindestens so wichtig, und in Verbindung mit oben genannten Wechselbarrieren für manches Startup tödlich, ist der schlichte Unwille der Konsumenten, sich mit dem Thema Finanzen zu beschäftigen. Gemäss dem „Millennial Disruption Index“, einer viel zitierten Studie mit insgesamt 10’000 Teilnehmern, gehen Millenials mittlerweile lieber zum Zahnarzt als zum Banker. Daraus leiten viele einen Kanalshift ab und dass Banking für Junge unsexy geworden sei. Tatsache ist aber eher, dass die allermeisten Menschen und nicht nur die Jungen, sich nur widerwillig mit Finanzen beschäftigen. Das Thema ist damit ein klassischer Fall für Convenience Value Propositions, welche die “Schmerzen” aus den Finanzgeschäften entfernen, wie es etwa Number26 eindrucksvoll demonstriert.

Und so kommt es, dass wohl manch ein überlegenes Geschäftsmodell an der puren Ignoranz der Nachfrage gescheitert ist.

Was bedeutet FinTech für die klassischen Anbieter?

Fragt man die etablierten Anbieter, scheinen diese FinTech überaus ernst zu nehmen: Laut einer Umfrage der Auditgesellschaft PwC mit über 500 Teilnehmern aus der Finanzindustrie in aller Welt sehen sich zwar nur etwas mehr als 20% der Finanzdienstleister bis 2020 durch FinTech Unternehmen gefährdet. Ganze 83% der Befragten glauben aber, dass ganze Geschäftsbereiche ihres Unternehmens an unabhängige FinTech-Unternehmen verloren gehen werden. Besonders gross, glauben sie, wird der Einfluss im Bereich des Privatkundengesschäfts sein, denn vor allem direkt am Kunden sind FinTechs meist näher am Zahn der Zeit als die traditionellen Finanzdienstleister und gehen besser auf die sich mit der Technologie wandelnden Kundenbedürfnisse ein.

Und tatsächlich, wenn man das Gedankenspiel einmal durchspielt, liesse sich eine traditionelle, im Privatkundengeschäft verankerte Bank bereits heute fast vollständig durch FinTech-Anbieter ersetzen:

Stryber Unbundling einer Schweizer Retailbank

Mehr als sechzig Prozent der von PwC Befragten glauben auch, dass in den nächsten fünf Jahren weit mehr als die Hälfte ihrer Kunden Finanzgeschäfte über das Handy managen werden, beispielsweise mit neuen Mobilebanking-Apps. Diese machen schon heute häufig den Weg zur Bank überflüssig.

Über fünfzig Prozent der Befragten in einer Studie des Wirtschaftsmagazin Economist gehen gar davon aus, dass in Zukunft mehr Zahlungen über FinTech-Firmen als über traditionelle Banken laufen werden. Zudem glaubt eine ähnliche Zahl der Befragten in dieser Studie, dass die Kunden bereit wären, komplett auf menschlichen Kontakt zu verzichten, wenn die online Alternativen günstig oder gar kostenlos zur Verfügung stehen.

Die etablierten Banken tun sich schwer mit solchen Szenarien: Nicht nur machen ihre Kostenstrukturen all zu schlanke Preismodelle nicht mit, sie zeigen auch grosse Mühe ihre Angebote in wirklich kundenfreundliche und zeitgemässe Formate zu bringen. So sagt ein leitender Angestellter einer grossen Schweizer Bank: “Wir dachten, wir kennen unsere Kunden, aber FinTechs verstehen Sie wirklich.”

FinTechs als Chance

Die Einschätzung der Branchen-Insider zeigt, dass die jungen Startups mit ihrem unbedingten Kundenfokus offenbar einen wunden Punkt der Banken und Versicherer gefunden haben, nämlich eine über weite Strecken entweder zu schlechte und/oder zu teure Dienstleistung für die Kunden. Da die etablierten Anbieter es in der Vergangenheit nicht geschafft haben, sich selber neu zu erfinden (wie die allerwenigsten Unternehmen, egal in welcher Branche), liegt in der kreativen und kundenorientierten Energie der FinTechs aber auch eine grosse Chance für die bestehenden Anbieter – indem diese nämlich mit FinTech-Firmen kooperieren.

Ein bekanntes Beispiel für ein solch kollaboratives Setup ist etwa das bereits erwähnte Number26, ein FinTech Unternehmen das sich zum Ziel gesetzt hat, durch innovative Ansätze ein besseres Banking-Erlebnis für Privatkunden zu schaffen. Das Angebot ist vollständig App-basiert, mit einer Vielzahl von zeitgemässen Funktionen wie Live-Budgetkontrolle, innovativen Funktionen wie den Bargeldbezug an Supermarktkassen und ist für den Endkunden komplett kostenlos. Damit kann Number26 vor allem bei den Millenials punkten, verzeichnet grosse Kunden-Zuwachsraten und schliesst eine Finanzierungsrunde nach der anderen ab. Dabei ist Number26 jedoch nur das Frontend zu einer Bank, also das, was der Kunde sehen kann. Im Hintergrund arbeitet die Wirecard Bank, die das Konto verwaltet, die Kreditkarte bereitstellt und die Transaktionen abwickelt. Number26 „spart“ sich somit die Banklizenz und die Wirecard Bank (mit 10 Jahren selbst noch ein junges und sehr schlank aufgestelltes Unternehmen), erschliesst sich eine neue, wenn auch Margen-schwache Umsatzquelle.

Mehr oder weniger freiwillig bieten aber mittlerweile sehr viele FinTechs ihre Dienste direkt anderen Finanzinstituten an. Häufig ist z.B. zu beobachten, dass ein Startup zuerst mit Enthusiasmus versucht, als Challenger bei den Endkunden Fuss zu fassen. Wenn der überaus teure und beschwerliche Markteintritt dann aber nicht klappt, machen viele Startups einen sogenannten “Pivot” und versuchen fortan in einem B2B-Modell ihre Technologie den etablierten Finanzinstituten zu verkaufen.

Genau hierin liegt eine grosse Chance für beide Seiten.

FinTechs bieten sich als Kooperationspartner an

In den USA wird bereits eine Mehrheit der FinTechs von CB Insighs als kollaborativ in der Beziehung mit den etablierten Anbietern eingestuft, d.h. dass sie sich als Dienstleister für diese anbieten und ihre Services in diese integrieren:

Stryber Ausrichtung der Geschäftsmodelle von FinTechs Weltweit

Unsere eigene Analyse zeigt für die Schweiz ein ganz ähnliches Bild: Fast die Hälfte der FinTechs bieten sich mehr oder weniger aktiv als Dienstleister für etablierte Anbieter an:

Stryber Ausrichtung der Geschäftsmodelle von FinTechs in der Schweiz

Schaut man sich dann auch einmal an, auf welche Weise etablierte Banken mit FinTechs umgehen, so zeigt sich, dass tatsächlich bereits 20% Kooperationen mit FinTechs einzugehen scheinen:

Stryber Reaktionen der Banken auf Fintechs

Sind Kooperationen also der goldene Mittelweg im Umgang mit technologischer Innovation für etablierte Anbieter im Finanzbereich, zwischen „Selber-Machen“ (z.B. dem Incubator-Ansatz, was nur in ganz wenigen Fällen erfolgreich zu klappen scheint) und „Untergehen“ (das Schicksal von manchem Platzhirsch in anderen Branchen)?

FinTech sind gekommen um zu bleiben – Zeit sich mit ihnen zu arrangieren

Die Finanzbranche ist definitiv im digitalen Umbruch angekommen, und FinTechs treiben ihn an. Die Kunden haben neue und gesteigerte Ansprüche an ihre Finanzdienstleister und deren Produkte, denen sich die etablierten Anbieter stellen müssen.

Die Gefahr für dieses Establishment ist dabei weniger, dass immer mehr Startups am immer noch sehr margen-süssen Kuchen naschen. Die Gefahr ist vielmehr, dass einige dieser Startups tatsächlich in der Lage sind die Branchenstrukturen in kürzester Zeit aufzubrechen. Mit massiver Venture Capital Unterstützung ist das absolut denkbar. Die zweite, fast noch grössere Gefahr ist, dass Technologiegiganten vom Format Google, Apple oder Alibaba Geschmack am Thema Finanzen finden – alle der genannten Player verfügen übrigens bereits über Banklizenzen. Wenn das passiert, könnte der Umbruch auch in der Finanzindustrie plötzlich sehr viel schneller passieren, als den etablierten Anbietern lieb ist. Die Musik-, Reise- und Medien-Industrien lassen grüssen.

Für die bestehenden Anbieter in der Finanzindustrie ist also in der Tat die Zeit gekommen, sich sehr ernsthaft mit den Entwicklungen im FinTech-Bereich zu beschäftigen. Der nächste PayPal oder die erste Firma, die mit der Blockchain den Durchbruch schafft, wurde wahrscheinlich bereits gegründet und auch Apple und Google haben bereits angefangen, ihre Finanzdienste auch hierzulande auszurollen.

Es wäre zwar verfrüht und falsch, Kooperationen als den einzig richtigen Weg für etablierte Player für den Umgang mit FinTech anzupreisen. Allerdings scheint es im Moment – gegeben die Unfähigkeit der alten Garde mit der digitalen Welt umzugehen – der einzig gangbare Weg zu sein.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *